Wieso ausgerechnet ein Lobtagebuch

Nachdem meine große Tochter in die zweite Klasse gekommen ist, gab es hier einige Probleme.

Zuvor war sie ein neugieriges, wissbegieriges und selbstbewusstes Mädchen. Auf Grund einiger Umstände, die an dieser Stelle ein anderes Thema sind, hegte sie viele Zweifel an sich selbst.

Das tat meiner Mamaseele unendlich weh. Ich versuchte sie ständig zu bestärken und erzählte ihr immer wieder, was für ein tolles Mädchen sie ist und was für einen starken Charakter sie hat.

Leider hatte ich das Gefühl, dass ihr das nur bis zu einem gewissen Grad half.

Einmal sagte sie sogar zu mir: „Du musst das ja zu mir sagen. Das ist dein Job, du bist schließlich meine Mutter!“. Ich war regelrecht schockiert. Glaubte sie wirklich, dass ich es „nur“ sagte, weil ich ihre Mutter bin?

Eine Verletzung von einer fremden Person wiegte scheinbar mehr als meine Worte.

Das war der Zeitpunkt, an dem ich mir wirklich anfing Sorgen zu machen.

Also durchforstete ich das Netz und probierte einige Sachen aus. Ich änderte auch ganz bewusst meine Formulierungen. Leider hatte ich den Eindruck, dass es nur bedingt etwas half. Ihr Selbstbewusstsein schwand immer mehr.

Also besuchte ich eine liebe Kinderpsychologin, mit der ich mich gerne austausche und sie brachte mich auf die Idee mit dem Lobtagebuch.

Am nächsten Tag erzählte ich meiner Tochter davon. Anfangs war sie skeptisch. Als wir dann aber gemeinsam loszogen und zusammen ein wunderschönes Notizbuch kauften, dass sie sich aussuchen durfte, gewann sie Gefallen an der Idee.

Abends war es dann soweit.

Sie selbst sollte sich drei Dinge überlegen, die tagsüber besonders toll waren, die gut gelaufen sind oder etwas, was sie besonders gut gemacht hat.

Von da an machten wir das jeden Abend. Zuerst hatte sie noch Probleme damit, positive Dinge zu finden. Da half ich ihr ein bisschen auf die Sprünge.

Das können auch ganz kleine Dinge sein, z.B. ich habe heute ganz alleine meine dreckige Wäsche zur Maschine gebracht. Oder: ich habe mich heute nicht mit meiner Schwester gestritten, ich habe heute einem Kind in der Schule geholfen, ich habe heute ein tolles Spiel mit meiner Freundin gespielt, etc.

Wahrscheinlich hast du mittlerweile schon gedacht: die hat doch aber zwei Mädels. Ich mache das Lobtagebuch mit beiden Mädels.

Manchmal schreibe ich die Dinge auf und sie erzählen nur, manchmal schreiben sie selber oder malen es hinein.

Mittlerweile werden auch zwei Dinge notiert, die an dem Tag nicht so gut gelaufen sind.

Hier ist wichtig, dass die negativen Dinge zuerst benannt werden und die positiven danach. So endet man mit den positiven und diese bleiben als gutes Gefühl zurück. Außerdem sollten die negativen Punkte nicht mehr sein, als die darauffolgenden Positiven.

Wenig Zeit

Wie ich am Anfang schon erwähnt habe, dauerten die ersten Tage etwas. Inzwischen finden meine Töchter superschnell drei positive Dinge und das Ganze dauert nicht länger als 5 Minuten.

Der Effekt

Dadurch das das Kind sich selbst die positiven Dinge überlegen muss, reflektiert es sich selbst.

Viele Dinge, die durchaus gut sind, werden leider zu schnell vergessen und nicht mehr wahrgenommen. Das Negative bleibt leider eher im Gedächtnis. So erinnert das Kind sich auch wieder an das Gute. 

Für meine Tochter sind diese Sachen, die sie sich selbst überlegt und dort aufschreibt, glaubwürdiger. Diese positiven Dinge werden ihr nicht von aussen gesagt, sondern sie findet sie selber. Das steigert unwahrscheinlich ihr Selbstbewusstsein und sie glaubt wieder an sich.

Mit einem Lobtagebuch denkt das Kind nochmal über seinen Tag nach, der so positiv beendet wird.

Mittlerweile ist sie wieder ein neugieriges, lustiges und selbstbewusstes Mädchen.

Meine Tochter fühlt sich wieder wohl in ihrer Haut.

Wahrscheinlich nicht nur wegen dem Lobtagebuch, es haben sich auch einige Dinge verändert, aber ich glaube, das Lobtagebuch hat seinen Teil dazu beigetragen. 

Auch wenn wir es jetzt nicht mehr zwingend benötigen, hat es sich bei uns als Ritual eingebürgert, dass wir gemeinsam am Abend die Dinge des Tages festhalten, die besonders schön waren. Wir schreiben sie jetzt nicht immer nieder, manchmal erzählen wir sie auch nur.

Aber sie aufzuschreiben, machen sie noch einmal zu etwas ganz Besonderen.

Wie findet du das Lobtagebuch?

Kannst du dir vorstellen, auch eines mit deinem Kind zu führen?