Die Nerven liegen blank

Kennst Du das? Dein Kind hat sich ganz lange auf ein Treffen mit einem Freund/Freundin gefreut, doch kaum ist es dann soweit und der Freund/Freundin ist da, dann geht der Streit los. Was gespielt wird, wer mit welchem Spielzeug spielen darf usw.
Genau dieses Problem habe ich regelmäßig bei meinen zwei Mädels im besten Alter von 8 und 6 Jahren.
Aber sie streiten ja nicht nur, wenn ein Freund/Freundin da ist, nein, sie streiten auch untereinander und das jeden Tag, mehrfach, nein, mehr als mehrfach.
Da liegen bei mir schon häufig die Nerven blank. Besonders, wenn ich selbst einen stressigen Tag hatte und die zwei dann auch noch um jede Kleinigkeit zu streiten anfangen (und sie können wirklich wegen jeder Kleinigkeit streiten, z.B. wer welches Glas benutzen darf oder wer wo beim gemeinsamen Essen sitzen darf usw., ich könnte hier unzählige Auflistungen anführen).
Zugegeben, da rutscht mir dann schon ab und zu mal in lauterem Tonfall ein „Ich will, dass ihr aufhört zu streiten!“ raus, nicht gerade pädagogisch wertvoll und meistens ist dann auch nur ganz kurz Ruhe, bevor es wegen dem nächsten Grund weiter geht. Dadurch verschiebt sich das Problem nur sehr kurzfristig.

Du bist nicht allein

Das Interessante an diesem Thema ist ja, dass es im Grunde allen Mamas so geht. Wenn du dich mit anderen Müttern in deinem Umfeld unterhältst, wirst du schnell feststellen, dass dieses Problem in allen Familien existiert.
Doch wieso ist das so? Wieso stecken wir alle in dem gleichen Kreislauf und wie können wir dieser täglichen, nervlichen Zerreißprobe entkommen?
Ich habe mich auf die Suche begeben, im Internet recherchiert, mit einem Kinderpsychologen ein Gespräch geführt und einen Vortrag über das Thema vom Jugendamt (ja, vom Jugendamt, hier kommt nicht nur schlechtes, es gibt auch tolle Vorträge zu allen möglichen Themen) besucht.

Ich möchte Dir gerne erzählen, was ich dabei herausgefunden habe und in wie weit wir Mamas uns das in unserem Alltag zu Nutze machen können.

Konfliktfähigkeit

Es gibt drei Stufen der Konfliktfähigkeit.
Die Stufe 1 ist die reine körperliche Konfliktfähigkeit, d.h. ein Streit kann nur auf körperlicher Ebene ausgetragen werden, z.B. durch Schlagen oder Schubsen.
Die zweite Stufe ist die einseitige Konfliktfähigkeit, hier gibt es für das Kind nur eine einzige Lösung, es ist nur zufrieden, wenn es seinen Wunsch erfüllt bekommt.
Die dritte und letzte Stufe ist die kooperative Konfliktlösung. Hier ist das Kind bereit eine Kooperation mit der anderen Streitpartei einzugehen.
Die Konfliktfähigkeit eines jeden Menschen muss erst erlernt werden.
Als ich dies gehört habe, hat das doch erstmal meine Nerven beruhigt, denn das bedeutet ja, dass noch Hoffnung in Sicht ist und sich meine Kinder irgendwann auf der Konfliktstufe 3 befinden werden und auch zu Kompromissen bereit sein werden.
Beobachte doch mal dein Kind genau, wenn es sich in einer Streitsituation befindet. Du wirst schnell feststellen, auf welcher Stufe es sich befindet.
Bei der Beobachtung meiner Kinder habe ich gemerkt, dass meine Kleine sich oft noch auf Stufe Zwei befindet, während meine Große schon öfters auf Stufe Drei ist.

Kinder und Besitzdenken

Oft drehen sich die Streitereien der Kinder um ein Spielzeug. Hier sollte man sich vor Augen führen, dass Kleinkinder noch keine Vorstellung von Besitz haben oder der Notwendigkeit vom Teilen. Sie können sich schlichtweg noch nicht sozial verhalten, da ihr Entwicklungsstand es nicht zulässt.
Ein Kleinkind kann nicht erkennen, dass es nicht in Ordnung ist, wenn es einem anderen Kind ein Spielzeug einfach wegnimmt.
Kleinkinder haben auch noch kein ausgeprägtes Mitgefühl, dies lernen sie erst im Laufe der Jahre durch die Reaktionen ihrer Mitmenschen.
Wir dürfen den Kindern in so einem Fall keine Boshaftigkeit unterstellen.
Wenn man sich dies vor Augen führt, kann man schon deutlich gelassener in so einer Situation reagieren.
Was kann man tun, wenn aktuell so eine Streitsituation bei Kleinkindern vorliegt? Wenn wir es nicht mehr aushalten, ruhig und gelassen eingreifen (wir wissen ja jetzt, dass das Kind es nicht mit Absicht macht) und die Situation nutzen um die Gefühle zu benennen, z.B. in dem man sagt „Ich glaube, dass andere Kind weint jetzt, weil es wütend oder traurig ist, weil du ihm die Schaufel weggenommen hast“. Ein bloßes „ Das gehört dem anderen Kind“, reicht nicht aus. Somit lernt das Kind gleich noch etwas über das Mitgefühl seinen Mitmenschen gegenüber. Im besten Fall können wir dem Kind noch eine attraktive Alternative anbieten.

Streiten ist etwas Positives

Wir Mamas neigen dazu, die Streitereien als etwas Negatives zu sehen, weil sie an unseren Nerven zerren. Stattdessen sollten wir uns einmal vor Augen führen, dass Streiten eigentlich etwas Positives ist und Kinder unheimlich viel dabei lernen.
Unsere Kinder lernen dabei, Lösungen für ein Problem zu finden, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu formulieren. Sie lernen dabei auch die Wünsche und Bedürfnisse der Anderen zu erkennen und zu berücksichtigen. Kinder müssen während eines Streites echte Überzeugungsarbeit leisten, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Sie müssen Spielregeln aushandeln und mit dem Streitpartner kooperieren. Sie lernen die Bereitschaft zum Kompromiss und sie müssen eine bestimmte Position innerhalb einer Gruppe einnehmen. Dadurch lernen sie sich selbst zu behaupten und Teil einer Gruppe zu werden. Sie müssen während eines Streites mit sehr intensiven Gefühlen umgehen können und gesellschaftliche Regeln aushandeln. Sie können auch lernen, dass sich Machtverhältnisse durch einen Streit verändern lassen.
Ganz schön viel Positives, was Kinder während einem Streit lernen können.
Wenn Du dieses Wissen hast, ist es vielleicht schon gar nicht mehr so anstrengend, wenn die Kinder sich streiten, denn im Grunde lernen sie währenddessen lauter positive Dinge.

Nicht zu schnell eingreifen

Der Kinderpsychologe sagte zu mir: Eltern sollten bei einem Streit unter Kindern nicht eingreifen, nur wenn wirklich Gefahr im Verzug ist oder Blut fließt.
Und nachdem ich nun die vielen positiven Vorteile des Streitens weiß, leuchtet mir dieser Satz auch ein. Also habe ich es ausprobiert. Ich habe mich zurückgenommen und nicht in den Streit der Kinder eingegriffen. Es war erstaunlich, wie schnell die Kinder meistens doch selbst zu einer Lösung gekommen sind. Meist war bereits nach fünf Minuten wieder Ruhe, sie hatten eine Lösung gefunden und haben friedlich miteinander gespielt. Interessanterweise war danach sehr viel länger Ruhe und Frieden, als wie wenn ich eingegriffen hätte.
Ich kann jedem nur raten: Probiere es aus, lass die Kinder einfach streiten. (Natürlich immer nur, wenn keine Gefahr droht)
Wenn wir nicht zu schnell eingreifen, lernen die Kinder zudem: meine Mama vertraut mir, dass ich das Problem auch alleine lösen kann. Wenn die Kinder dann eine Lösung gefunden haben und der Streit vorbei ist, haben sie außerdem Selbstvertrauen in sich selbst gewonnen.
Natürlich ist auch hier die Gefahr dabei, dass immer der Stärkere den Streit gewinnen kann. Deswegen ist es wichtig, die Streitsituation zu beobachten um notfalls eingreifen zu können.

Wann ein Eingreifen sinnvoll ist

Natürlich gibt es auch Situationen, in denen wir eingreifen müssen. Wenn Gefahr droht und es in die körperliche Auseinandersetzung über geht.
Auch wenn der Streit scheinbar nicht enden will, die zwei Streithähne nach 10 Minuten immer noch in der Situation festsitzen und klar ist, hier ist ein Kreislauf entstanden.
Ein Eingreifen ist auch erforderlich, wenn ganz klar um Hilfe gebeten wird (Hier muss es aber um Hilfe beim Streit gehen und nicht ums „Petzen“, in dieser Disziplin sind meine zwei Mädels ebenfalls wahre Meisterinnen).

Die Ziele des Eingreifens

Wenn wir bei einem Streit eingreifen, sollten wir darauf achten, dass wir nicht Partei ergreifen. Wir alle wollen unsere Kinder beschützen. Am Ende müssen aber beide Parteien mit der Lösung zufrieden sein. Der Konflikt muss bewältigt werden und nicht nur vertagt. Die Kinder müssen die Eltern als fairen Vermittler erleben.
Wenn wir in einen Streit eingreifen, geben wir den Kindern die Möglichkeit verschiedene Handlungsabläufe zu üben und so können sie lernen, während eines Streites selbst konstruktiv zu handeln und das Problem zu lösen.
Wenn beide Parteien sich nicht einigen wollen, ist es unsere Aufgabe einen Kompromiss zu suchen. Hier ist es gut, wenn man mehrere zur Auswahl anbietet und die Kinder an Hand der vorgeschlagenen Kompromisse sich selbst die Lösung, die für Beide passt suchen. Dies könnte z.B. ein Vorschlag sein, dass geteilt wird oder abgewechselt, wenn es um ein bestimmtes Spielzeug geht.
Als ich das ausprobierte und meine zwei Mädels weder mit Teilen, noch mit Abwechseln zufrieden waren, habe ich Ihnen angeboten, das Spielzeug zu entfernen, bis sie selbst eine Lösung gefunden haben. Ich war erstaunt, wie sie sich in Sekundenschnelle auf einen Kompromiss einlassen konnten, denn scheinbar ist kein Spielzeug blöder als ein geteiltes Spielzeug.

Wie man beim Eingreifen vorgehen sollte

Zunächst ist es wichtig, dass man möglichst gelassen und ruhig in die Situation hineingeht. Wenn also gerade die eigenen Nerven angespannt sind, besser nochmal tief durch atmen. Mir hilft es auch, wenn ich mich selbst dazu zwinge kurz zu lächeln.
Anschließend sollte man die Situation beruhigen, hier muss man eventuell auch mal auf bestimmte Gesprächsregeln hinweisen.
Wir selbst sollten hier immer auch den Entwicklungsstand der Kinder berücksichtigen, ein zweijähriges Kind kann natürlich noch nicht verbal argumentieren. Wir dürfen nur als fairer Vermittler auftreten.
Dann dürfen beide Parteien ihre Sichtweise erzählen und es wird in Ruhe zugehört. Meistens haben sich dann schon die Gemüter etwas beruhigt.
In dieser Situation kann man auch die Gefühle und Wünsche noch einmal klar benennen, denn so erfahren beide Parteien, wie sich ihr Gegenüber gerade fühlt, z.B. ich glaube, deine Freundin ist traurig, weil du sie nicht mitspielen lässt.
Dann sollten wir als Vermittler Vorschläge machen und die Kinder die Lösung gemeinsam vereinbaren lassen.
Wie in allen Gesprächen mit Kindern (und generell mit allen anderen Personen) sollten wir besser in Ich-Botschaften sprechen, so machen wir den Kindern keinen Vorwurf, sondern zeigen auf, wie es bei uns ankommt.

Warum geht der Streit meistens von dem Gastgeberkind aus?

In einem Streit wird es oft laut und die Kinder werden wütend oder traurig. Hier ist es sogar wichtig, dass die Gefühle rauskommen dürfen und nicht geschluckt werden müssen.
Meistens passieren diese Gefühlsausbrüche zu Hause, nicht nur im Streit, da dies die Wohlfühlzone unserer Kinder ist. Hier darf es so sein, wie es ist und muss sich nicht zusammen reißen.
Deswegen geht der Streit auch oft von dem Gastgeberkind aus und nicht von dem Besuchskind.
Das der Streit meistens von dem Kind aus geht, das gerade zu Hause ist, können wir als Kompliment betrachten. Das Kind fühlt sich zu Hause sicher und geborgen und kann hier seinen Gefühlen freien Lauf lassen.
Ich weiß, dass ist oft schwierig im Alltag, wenn mal wieder ein Streit im Anrollen ist. Dennoch, wenn wir es als Kompliment auffassen, gehen wir doch gleich schon gelassener damit um.

Eltern können Kindern das Streiten lernen

Wir Eltern haben eine wichtige Vorbildfunktion. Deswegen sollten wir uns selbst einmal beobachten, wie wir uns verhalten, wenn wir uns mit unserem Partner streiten. Argumentieren wir sachlich? Halten wir uns an Streitregeln? Flippen wir zu schnell aus, wegen einer Kleinigkeit?
Zugegeben, auch das ist bei mir im Alltag etwas schwierig, bin ich etwas gestresst und nicht entspannt, kann es durchaus sein, dass mein bester Ehemann der Welt schon mal einen blöden Kommentar von mir abbekommt. Wenn ich es aber selbst merke, dann entschuldige ich mich auch wieder. Auch vor den Kindern, sie dürfen ruhig mitbekommen, dass wir auch nicht fehlerfrei sind und zu unseren Fehlern stehen. (Auch wenn ich hier manchmal schon sehr über meinen Schatten springen muss)
Kinder können nur streiten lernen, wenn wir sie auch streiten lassen.
Mit dieser Information stehe ich jetzt schon deutlich gelassener ihren Streitereien gegenüber.

Bei uns zu Hause

Generell ist es so, dass mich der Streit der Kinder deutlich mehr nervt, wenn ich selbst gestresst und nicht entspannt bin.
Wenn ich merke, dass ich zu sehr unter Stress stehe und mich mal wieder im Hamsterrad unseres chaotischen Alltags befinde, dann ist es höchste Zeit, dass ich versuche mich zu entspannen.
Hier wende ich dann meine kleinen 5 Tipps für weniger Stress an.
Auch Yoga kann sehr gut gegen Stress helfen, das weiß ich seit meiner Rezension Yoga nach der Schwangerschaft.
Außerdem habe ich bei uns das System des Schiedsrichters eingeführt.
Wie ich vorhin erwähnt habe, können meine Kinder wegen jeder Kleinigkeit anfangen zu streiten. Fast täglich war das Thema, wer beim gemeinsamen Essen wo sitzen darf usw.. Hier gibt es jetzt bei uns einen Schiedsrichter. Der Schiedsrichter wechselt jeden Tag ab. Er darf bestimmen, wer wo beim gemeinsamen Essen sitzt, wer den Tisch aufdeckt – der andere deckt den Tisch dann ab (diese Aufgabe dürfen bei mir die Kinder erledigen). Der Schiedsrichter ist dafür zuständig, aus welchen Gläsern getrunken wird usw..
Wenn ein Besuchskind da ist, ist automatisch das Besuchskind der Schiedsrichter.
Durch unser Schiedsrichtersystem sind schon einmal viele kleine Streitsituationen aus dem Weg geräumt.
Seitdem ich nun um die Vorteile des Streitens weiß, versuche ich nicht einzugreifen. Dauert der Streit mir aber zu lange oder bin ich zu sehr genervt von der Situation, biete ich ihnen immer an, das Streitobjekt zu entfernen bis eine Lösung gefunden ist. Dann finden sie tatsächlich immer in Sekundenschnelle einen Kompromiss.
Manchmal, wenn ich merke, dass ein Streit nach dem anderen folgt, versuche ich die Streithähne aus der Situation heraus zu holen, indem ich ihnen ein anderes Spiel oder am besten eine gemeinsame Bastelaktivität, wie DIY: Blumen aus Plastikflaschen! anbiete.
Wenn sie dann etwas Schönes gemeinsam gebastelt haben, ist die Stimmung schon gleich viel friedlicher.
Außerdem versuche ich mich selbst von dem Mütter-Perfektionismus frei zu machen, so dass es mich nicht mehr so stark berührt, wenn meine Kinder in der Öffentlichkeit streiten.
Noch ein kleiner Tipp von mir: wenn ich merke, dass ich zu sehr gestresst bin, greife ich ruhigen Gewissens auf mein gut funktionierendes Netzwerk zurück und nehme mir eine kurze Auszeit.

Mein Fazit

Unsere Kinder lernen heute das Streiten viel schwieriger, als noch vor zwanzig Jahren. Jeder Konflikt wird oft zu schnell unterbunden, z.B. auf dem Pausenhof. Deshalb haben viele Kinder fast keine Konfliktfähigkeit mehr. So können sie nur schwer mit Konfliktsituationen umgehen.
Die Konfliktfähigkeit muss erst erlernt werden und das können Kinder nur, wenn wir sie auch streiten lassen (natürlich nur, wenn keine Gefahr droht).

Probier es doch einfach mal aus. Lass die Kinder streiten und du wirst vielleicht genauso erstaunt sein wie ich, wie die Kinder die Situation selbst meistern können.
Außerdem werden die Streitsituationen schnell deutlich weniger werden.
Vielleicht hast du ja noch einen weiteren Vorschlag, wie man den Streit unter Kindern gelassener gegenüber wird?

Wenn dir der Beitrag gefallen hat oder du noch eine Anmerkung dazu hast, würde ich mich über Feedback von dir freuen.

Bis bald
Deine Sabine