oder: der Wettkampf zur Einschulung

Der Wettkampf

Auch ich bin in so einigen Facebookgruppen, unter anderem in der ein oder anderen Elterngruppe. Zugegeben, ich bin dort nicht recht aktiv und selten nur eine stille Mitleserin.
Vor kurzem aber erregte eine Frage von einer Mama in solch einer Gruppe meine Aufmerksamkeit.
Ihre Frage wurde mir ziemlich weit oben in meinem Newsfeed angezeigt, da es gerade mal fünf Minuten her war, dass sie ihre Frage stellte. Als ich dann sah, dass auf ihre Frage bereits 53 Kommentare vorhanden waren, musste ich vor Neugierde doch mal mitlesen.
Und nun stell dir vor, diese Mutter hatte sich doch tatsächlich erdreistet zu fragen, ob jemand weiß, ab wann die Schultüten bei einem bestimmten Discounter ins Angebot kämen.
Schande auf ihr Haupt!
Natürlich wurde sie sofort von den anderen Müttern sehr vehement darauf hingewiesen, dass man die Schultüte seines Kindes selbst mit dem Kind zusammen zu basteln habe, denn schließlich sei das ja ein ganz besonderer Tag und da könne man unmöglich mit einer gekauften Schultüte antreten. Außerdem würden an so einem wichtigem Tag ja Fotos gemacht, und dann würde das Kind sein Leben lang sehen, dass dieser Tag der Mutter nur eine gekaufte und keine selbst gebastelte Schultüte wert gewesen sei. Im schlimmsten Falle würde das Kind später noch Minderwertigkeitskomplexe bekommen und an der Liebe und Zuneigung der Mutter zweifeln.
Was soll ich sagen? Ich war schockiert! Diese Frau, die lediglich eine einzige Frage gestellt hatte, wurde regelrecht fertig gemacht, von den anderen Müttern.
Als besagte Mutter dann nicht auf die, zum Teil sehr beleidigenden Kommentare reagierte, heizte sich die Stimmung noch mehr auf. Ihr wurde unterstellt, dass sie ihr Kind nicht lieben würde.
In welcher Welt leben wir?
Wie kann sich jemand anmaßen, nur weil jemand eine Schultüte kaufen anstatt basteln will, demjenigen solche Dinge zu unterstellen?
Vielleicht liegt es zum Teil an der Anonymität des Internets, vielleicht liegt es aber auch daran, dass es mittlerweile leider bei vielen Müttern ein regelrechter Wettkampf um die beste Mutter entbrannt ist.

Gekaufte Schultüten

Dieses Jahr wird meine kleine Tochter, jetzt im besten Alter von 6 Jahren eingeschult.
Soll ich dir was sagen? Wir haben es doch tatsächlich gewagt und für ihre Einschulung eine Schultüte gekauft. Meine kleine Tochter hat es sich sogar gewünscht. Sie hat mir ganz klar gesagt, dass sie keine Lust darauf hat, eine Schultüte mit mir zusammen zu basteln. Sie meinte, Schultüte basteln fände sie langweilig und wolle stattdessen nun lieber mit mir eine Runde Uno spielen. Außerdem fände sie die mit den Schmetterlingen, die sie neulich gesehen hatte so toll und will keine andere, nur diese eine bestimmte.
Also war es für uns beide klar, wir kauften ihre gewünschte Schultüte mit den Schmetterlingen und spielten gemeinsam eine Runde Uno.
Wer mich kennt, weiß, dass es bestimmt nicht daran lag, weil ich mich vor dem Basteln drücken wollte (vielleicht ein kleines bisschen), aber eigentlich bastel ich sehr viel und auch sehr gerne mit meinen Kindern.
Vielleicht mag es ja auch Mütter geben, die einfach nicht gerne basteln oder weniger kreativ sind.
Wenn das Kind keinen Spaß am Basteln hat und das Ganze vielleicht auch noch im Streit mit dem Kind endet, hat hinterher niemand eine schöne Erinnerung beim Anblick der Schultüte.
Selbstverständlich bedeutet das aber niemals, dass man sein Kind deswegen weniger wertschätzt.
Möglicherweise, so wie es bei uns diesmal der Fall war, gefällt dem Kind eben eine ganz bestimmte Schultüte so gut, dass es keine andere möchte.

Genähte Schultüten

Eine genähte Schultüte finde ich persönlich einfach spitze. Wenn man selbst nicht nähen kann, kennt man vielleicht jemanden, der das machen kann. Diese Schultüten werden dann innen mit einem sogenannten Rohling gefüllt. Nachdem Tag der Einschulung und wenn die Schultüte geplündert wurde, hat man die Möglichkeit, denn Rohling zu entfernen und stattdessen ein Kisseninlay hineinzugeben. So hat das Kind ein ganz individuelles Kissen, dass immer an den ersten Schultag erinnert.
Mittlerweile kenne ich ganz viele, die ein solches Schultütenkissen nähen lassen. Im Internet gibt es da viele Anbieter, die individuell auf Wunsch die passende Schultüte nähen.
Ich selbst habe das nicht gemacht, da meine Töchter bereits jede ein individuelles Namenskissen haben, was sie sehr lieben und welches auch überall hin mit muss.

Gebastelte Schultüte

Vor zwei Jahren, als meine große Tochter eingeschult wurde, hatte ich auch die romantische Vorstellung, mit meinem Kind gemeinsam eine Schultüte zu basteln. Im Kindergarten lag ein Katalog aus, bei dem man sich Bastelsets aussuchen und bestellen konnte. Meine Tochter suchte sich ein Set mit Blumen aus. Diese Sets haben den Vorteil, dass man nicht die Materialien einzeln kaufen muss. Zudem hat man nur die benötigte Menge der Materialien und es bleibt nicht viel übrig.
In manchen Kindergärten werden auch bereits in den einzelnen Gruppen die Schultüten gemeinsam mit den Kindern gebastelt. Diese Idee finde ich auch gut, denn dort haben dann die Kinder alle die gleiche Schultüte und es gibt eben nicht diesen Wettkampf darum, wer die schönste Schultüte hat.
In unserem Kindergarten gab es bis vor einigen Jahren noch sogenannte Bastelnachmittage, die extra organisiert wurden. Hier trafen sich die Eltern mit den Vorschulkindern und den Erziehern am Nachmittag und bastelten dann gemeinsam. Leider wurde das abgeschafft, da zu wenig Interesse bestand und auch oft ein Nachmittag nicht ausreichte.
Ich war am Anfang leicht irritiert, als ich hörte, dass ein Nachmittag meistens nicht ausreichte; so hatte ich doch die Vorstellung, so ein fertiges Bastelset kann doch nicht so schwer und langwierig sein.
Als ich dann unser bestelltes Bastelset in Händen hielt und meine Tochter und ich hochmotiviert begannen die einzelnen Blätter und Blüten auf diverse verschiedenfarbige Moosgummiteile auf zu malen, wurde ich schnell eines Besseren belehrt. Nach kurzer Zeit hatte meine Tochter keine Lust mehr, gefühlt tausend Blüten auf ein rosa Moosgummi zu zeichnen. Außerdem war sie unzufrieden, da sie die Blüten ihrer Meinung nicht schön genug abzeichnen konnte.
So gaben wir für diesen Tag auf und spielten lieber gemeinsam etwas.
Ich verbrachte den ganzen Abend damit, die einzelnen Teile ordentlich vor zu zeichnen.
Am nächsten Nachmittag wollten wir die einzelnen Blüten und Blätter ausschneiden. Aber auch hier war nach kurzer Zeit das gleiche Spiel, meine Tochter verlor nach der vierten Blüte die Lust und war gefrustet, weil sie die Rundungen für sie nicht schön genug schneiden konnte. Also brachen wir auch hier ab und gingen lieber eine Runde in den Pool.
So verbrachte ich den zweiten Abend damit, Blüten und Blätter aus Moosgummi auszuschneiden.
Als ich an diesem Abend den großen Karton, den man noch in Form falten sollte in der Hand hielt, verabschiedete ich mich von dem romantischen Gedanken, eine Schultüte mit meiner Tochter gemeinsam zu basteln.
Am dritten Abend brachte ich den starrigen Karton in die entsprechende Form und klebte mit Heißkleber die grünen Pfeiffenputzer auf, die die Stängel darstellen sollten.
Am vierten Abend klebte ich die mittlerweile gefühlten Millionen Blüten und Blätter mit Heißkleber auf (das hätte niemals mit einem normalen Bastelkleber gehalten) und befestigte im Inneren der Tüte noch das Krepppapier. Anschließend durfte meine Tochter am Tag darauf die Seidenschleife herum wickeln und zubinden. Hier strahlten ihre Augen und sie war glücklich über ihre Schultüte.
So verbrachte ich vier Abende alleine damit zu eine Schultüte zu basteln.

Am Tag der Einschulung erzählte mir tatsächlich eine andere Mutter ganz stolz, dass sie insgesamt 16 Stunden benötigt hatte, für die Herstellung der Schultüte, aber das sich jede einzelne Stunde gelohnt hätte, da die Schultüte perfekt geworden sei.
Allein bei dem Gedanken daran muss ich schon wieder mit den Augen rollen…
Ich für meinen Teil hätte mir durchaus schönere Beschäftigungen für die Abende vorstellen können.
Ab und zu keimt der Gedanke in mir auf, dass es mit den Schultüten dasselbe ist wie mit mein Haus, mein Auto, meine Yacht: Nur wer eine perfekte Schultüte für sein Kind hat, natürlich besonders individuell und mit viel Liebe und Handarbeit hergestellt, kann die perfekte Mutter sein.

Gott sei Dank will ich nicht perfekt sein und meine Kinder scheinbar auch nicht. Und so war ich dem Wunsch meiner kleinen Tochter, keine Schultüte zu basteln, sondern ihr die heißersehnte Schmetterlingstüte zu kaufen und lieber eine Runde Uno zu spielen, sehr aufgeschlossen.

Ich für meinen Teil wünsche mir, dass wir Mamas uns nicht wegen einer gekauften oder gebastelten Schultüte kritisieren. Egal für welche Art und Weise man sich entscheidet, wir alle sollten uns gegenseitig unterstützen, denn wir machen alle jeden Tag aufs Neue einen großartigen Job.

Und was machen wir nach der Einschulung mit den Schultüten?
O.k., die Genähten werden dann zu Kissen, aber was passiert mit dem Rohling, der sich innen befindet?
Im Moment überlege ich mir einige Sachen, die man dann mit den alten Schultüten machen kann, so zu sagen „Schultüten-Upcycling“
Hast Du vielleicht die ein oder andere Idee?
Schreibe mir doch gerne einen Kommentar.

Bis bald
Deine Sabine