Als ich Mutter geworden bin, habe ich irgendwo in dem Kleingedruckten der Stellenanzeige überlesen, dass diese Stellung damit einhergeht, dass man der „Oberspielverderber“ sein muss.

Ich weiß gar nicht, wie oft ich am Tag das Wort „Nein“ benutze. 

Dabei geht es nicht immer um lebensbedrohliche Situationen, wie „Nein, du kannst jetzt nicht einfach auf die stark befahrene Straße rennen ohne zu schauen!“.

Es soll auch schon Kinder gegeben haben, die dachten das richtige Wort für „Steckdose“ wäre „Nein!“.

Ablenkung war mein liebstes Mittel zum Zweck

Als meine Kinder noch etwas kleiner waren, konnte ich sie nach einem „Nein“ noch immer relativ schnell ablenken. 

Ich sagte Sätze wie „Nein, du kannst nicht mit der Hundescheiße, die da auf dem Gehweg liegt spielen, aber schau mal: da hinten klettert ein Eichhörnchen auf einen Baum.“

Leider sind mir meine Kinder ziemlich schnell auf die Schliche gekommen, dass ich sie nur ablenken wollte. 

Mein Mittel zum Zweck hat irgendwann im Kindergartenalter nicht mehr funktioniert.

Erklärungen

Deswegen habe ich begonnen ihnen die Sachen zu erklären.

Leider beinhaltet eine Erklärung oft mehrer Worte und dauert somit länger, als ein kurzes „Nein!“.

In gefährlichen Situationen musste deswegen dieses kleine Wort ausreichen. Hinterher folgte meistens dennoch eine Erklärung von mir, auch wenn ich den Eindruck hatte, dass diese meine Kinder nicht mehr interessiert.

Je älter meine Kinder werden, umso weniger scheinen sie meinen Erklärungen hören zu wollen.

Manchmal, wenn ich genug Ruhe und Zeit habe- und wir uns nicht in einer lebensbedrohlichen Situation befinden, formuliere ich meine Erklärung um, so dass das „Nein“ nicht direkt am Anfang steht. Das klingt dann in etwa so: „Wenn du deine Trinkflasche, die aus Metall ist, in die Mikrowelle steckst, wird die Mikrowelle explodieren. Deswegen darfst du deine Metalltrinkflasche, genauso wie irgendein anderes Metall nicht in die Mikrowelle geben.“ 

Meistens rollt meine Große dann mit den Augen und fragt : „Das heißt dann wohl Nein, oder?“. Wenn man dann mit „ja“ antwortet, könnte das auch schnell wieder missverstanden werden. 

Oft folgt übrigens dann noch ein „dann sag das doch gleich“ von ihr. Leider muss ich zugeben, dass mir auch manchmal die Nerven für lange Erklärungen fehlen und ich wieder bei meinem altbewährtem „Nein“ lande.

Die Mutation zum Oberspielverderber

Die Anzahl meiner „Neins“ wird auch nicht weniger, je älter die Kinder werden. Sie beziehen sich nur auf andere Dinge. „Nein, du kannst jetzt kein Eis essen, weil wir in 10 Minuten Abendessen wollen“, „Nein, du kannst nicht diese ach so tollen Turnschuhe haben, weil wir dir erst letzte Woche neue Turnschuhe gekauft haben“, „Nein, du darfst nicht mit meinem Handy ausprobieren, ob es wasserdicht ist“ usw.

Manchmal kommt es mir vor, als würde ich in der Kommunikation mit meinen Kindern nichts anderes sagen als „Nein“.

Dabei wollte ich doch gemeinsam mit meinen Kindern eine tolle Zeit erleben. Gemeinsam mit ihnen Spaß haben. Stattdessen bin ich jetzt zum Oberspielverderber mutiert. 

Dadurch das die nahe mit dem Ablenken nicht mehr funktioniert und ihnen meine Erklärungen auch oft reichlich egal sind, reicht auch ein einziges „Nein“ oft nicht aus. 

Bei dem Thema „neue Turnschuhe, obwohl es erst welche gab“, konnte meine große Tochter sehr hartnäckig sein. Allein hier habe ich das Wort „Nein“ bestimmt 6mal benutzen müssen.

Sich schuldig fühlen

In diesen Momenten, wenn ich ihnen ständig etwas verbieten muss, fühle ich mich schuldig.

Ich beneide dann meine Mutter, die natürlich viel mehr verwöhnen darf und erlauben kann. Manchmal komme ich mir dann vor, wie der „bad Cop“ in einem Actionspielfilm. Dabei spiele ich die „böse“ Rolle.

Und, obwohl ich weiß, dass ich meinen Kindern nichts Schlechtes damit antue, wenn ich ein „Nein“ zu ihnen sage, sondern meistens einfach meiner Verantwortung als Mutter gerecht werde, habe ich dieses schlechte Gefühl dabei.

Die Coronakrise hat es verschlimmert

Seit wir mitten in der Coronakrise stecken, hat sich die Situation deutlich verschlimmert. Ich bin nicht nur der „Oberspielverderber“, sondern: ich bin der jetzt die „Königin der Spielverderber“.

Nun bin ich es, die ihnen auch noch zusätzlich Dinge verbietet, die ihnen vorher in ihrem Alltag erlaubt waren.

„Nein, wir können nicht zu Oma und Opa“, „Nein, ihr könnt nicht wie geplant in den Osterferien mit Oma und Opa Urlaub machen“, „Nein, ihr dürft euch nicht mit euren Freundinnen verabreden“, „Nein, auch diese Woche kannst du nicht zum Ballettunterricht ins Tanzstudio fahren“.

Natürlich haben wir den Kindern die Krise erklärt und sie haben es auch verstanden. 

Dennoch fragen sie immer wieder aufs Neue. Und jedesmal sehen sie mich ganz traurig aus ihren Kulleraugen an. Zack, schon wieder fühle ich mich schuldig.

Besonders schlimm ist es seit einer Woche. Seit einer Woche darf meine große Tochter für 2,5 Stunden am Tag wieder in die Schule, aber meine kleine Tochter nicht.

Und ich kann ihr noch sooft erklären, dass so ein Schultag nicht zu vergleichen ist mit einem vor Corona. Ich wiederhole immer wieder wie ein Mantra „Deine Schwester darf auch nicht auf dem Schulhof mit ihren Freundinnen toben“ oder „auch hier muss der Abstand eingehalten werden“.

Meine Erklärungen interessieren sie nicht. Sie fühlt sich benachteiligt, ausgegrenzt und ist traurig. Und ich, ich fühle mich mal wieder schuldig.

Gemeinsame Zeit

Auch wenn es gerade zeittechnisch bei uns wirklich schwierig ist, mit Arbeit, einem Kind im vollen Homeschooling und das zweite Kind halb im Homeschooling, versuche ich für uns gemeinsame „Projekte“ und gemeinsame Zeit zu veranschlagen. 

Deswegen schrumpft zwar nicht die Anzahl meiner „Neins“ im Alltag, aber ich fühle mich weniger schuldig.

Während der gemeinsamen Zeit haben wir zusammen einfach nur Spaß. Außerdem ist mir aufgefallen, wenn wir gemeinsam an einem „Projekt“ basteln, muss ich so gut wie nie „Nein“ sagen. 

Zudem erhoffe ich so, den Kindern trotz dieser aktuellen Krise ihr Leben etwas unbeschwerter zu machen, denn schließlich können unsere Kinder am allerwenigsten für diese Krise, sind aber leider diejenigen, die am meisten darunter leiden.

 

Bin aktuell nur ich diejenige die den Titel „Königin der Spielverderber“ trägt oder hast du ihn dir auch schon verdient?

 

 

 

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