Seitdem meine große Tochter in die Schule gekommen ist, höre ich regelmäßig den Satz: „Sie ist halt noch verspielt und verträumt.“

Begonnen hat dieses Phänomen ab Mitte des ersten Schuljahres.

Zunächst war es nur die Klassenlehrerin, die diesen Satz sagte. Danach folgten andere Lehrkräfte, der Rektor und anschließend Bekanntschaft und Verwandtschaft.

Wieso bitte darf ein Kind mit Beginn der Schulzeit nicht mehr verspielt sein?

Im Kindergarten wurde das nie zu mir gesagt und auch dort fanden regelmäßig Entwicklungsgespräche statt. Im Kindergarten wird den ganzen Tag nichts anderes von den Kindern gemacht, als gespielt.

Meine große Tochter ist gerade neun Jahre alt geworden. Ist sie da kein Kind mehr, was spielen oder träumen darf?

Scheinbar wird erwartet, dass die Kindheit mit Schuleintritt vorbei oder zumindest weniger verspielt ist.

Trotzdem, das sie im Unterricht aufpasst und ihre Leistungen erbringt (sie ist jetzt nicht eine supergute Schülerin, aber eben auch keine schlechte) wird mir gesagt, ich solle sie mehr an den „Ernst“ des Lebens heranführen.

Ehrlich?

Was Bitteschön sollte denn ein Kind machen, ausser zu spielen und zu träumen?

Im Gegenteil, ich ermutige meine Tochter sogar noch, in der Hofpause zu spielen. Wenn Kinder im Unterricht ruhig und aufmerksam sein sollen, dann bin ich der Meinung, dass sie in der Pause ihren Bewegungsdrang ausleben müssen.

Unser Gehirn arbeitet besser, wenn es Sauerstoff bekommt.

Ich weiß nicht, ob das ein spezieller Trend hier bei uns in der Region ist, oder ob dieses Phänomen weiter gestreut ist.

Hierzu muss ich noch kurz anmerken, dass mir versichert wurde, nachdem ich nachgefragt habe, dass sie dem Unterricht folgt und auch mitarbeitet.

Meine Tochter ist ein Kind – und das ist auch gut so!

Wollen wir denn wirklich kleine Erwachsene haben?

Ein Japaner hat mal gesagt, dass was wir unseren Kindern zwingend mitgeben müssen, ist:

Sie müssen sich von den Maschinen unterscheiden, einzigartig sein. Irgendwann werden die Maschinen den Hauptteil unserer Berufe ausüben. Das, was wir unseren Kindern vorleben und mitgeben können sind Werte, Moral, Kreativität und soziale Kompetenz.

Meine Tochter liebt ihren Sport und macht diesen mit voller Begeisterung. Leider haben tatsächlich mittlerweile viele ihrer Freundinnen, die ebenfalls in der gleichen Gruppe waren, aufgehört, den Sport zu machen. Warum? Weil sie lernen müssen.

Klar, diese Kinder sind vielleicht ein bisschen besser mit ihren schulischen Leistungen, aber was geben wir unseren Kindern dann mit auf ihren Lebensweg?

Die schulische Leistung hat Priorität Nummer Eins im Leben.

Natürlich möchte ich selbst auch, dass meine Kinder in der Schule halbwegs gut sind, aber sie müssen eben nicht die besten Schüler sein. Dafür haben sie noch genügend Zeit zum spielen und dürfen weiterhin ihre Hobbys mit Begeisterung ausüben.

Meine große Tochter ist dafür die, die auf dem Christkindlmarkt einem Obdachlosen ihre leckere Gebäckbreze, die ihr so gut schmeckt, anbietet.

Meine Tochter ist auch diejenige, die immer aufpasst, dass alle gerecht behandelt werden.

Und meine Tochter ist diejenige, die ihren Mund aufmacht und sich einmischt, wenn ein Kind auf dem Pausenhof unfair behandelt wird, auch wenn sie sich dafür vielleicht Ärger mit Anderen einhandelt.

Als beide Kinder noch im Kindergarten waren, hatte ich auch die Vorstellung, dass sie gut in der Schule sein sollen.

Und zugegeben, das will ich immer noch. Aber nicht um jeden Preis. Ich möchte, dass sie noch Kinder sein dürfen. Und wenn das eben bedeutet, dass sie in der Schule „mittelmäßige“ Leistungen erbringen, dann ist es auch o.k. Hierzu muss ich sagen, wir befinden uns gerade mal in der Grundschule, ich denke, der Druck auf die Kinder in einer weiterführenden Schule steigt später sowieso an.

Dafür weiß ich aber, dass meine beiden Mädels ihren Weg gehen werden. Ich weiß, dass sie Hürden überwinden können und auch für sich einstehen können.

Warum ich mir da so sicher bin?

Ich sehe es, Tag für Tag, wenn sie spielen. Auch im Spiel setzen sich Kinder ihre Ziele und versuchen diese zu erreichen.

Ich lerne soviel

Wenn ich meine große Tochter beobachte, lerne ich selbst soviel von ihr. Sie ist es, die in den Wolken Figuren erkennt, die ich ohne sie niemals sehen würde. Sie findet das einzige vierblättrige Kleeblatt in der ganzen Wiese. Und nebenbei bemerkt können Kinder unheimlich viel während des Spiels lernen, auch viele Dinge, die im Lehrplan stehen. Sie lernen sie eben nur auf praktische Art und Weise.

Nicht sauber – aber glücklich

Auch jetzt, Anfang der dritten Klasse, ist die Kleidung meiner Tochter oft dreckig oder zerrissen, wenn sie nach Hause kommt. Daran hat sich nichts geändert, im Gegensatz zu vielen anderen Kindern. Aber wenn sie mir dann von den Abenteuern erzählt, die sie erlebt hat und ihre Augen dabei leuchten, dann weiß ich, dass es jeden Grasfleck wert war.

Ich selbst lasse mich auch gerne auf ihre Spiele ein und schlüpfe auch das ein oder andere Mal in eine andere Rolle. Es macht Spaß. Auch als Erwachsene noch.

Das Einzige was ich manchmal bereue ist, dass ich mich auf Grund meines „Erwachsen-seins“ und des Alltags wegen viel zu selten auf das Spiel einlasse und ihren Träumen nicht immer Beachtung schenke.

Die Schule ist nicht die Lebensaufgabe meines Kindes

Die Schule sollte nicht die Lebensaufgabe eines Kindes sein. Sie sollten ihre Kindheit auch leben dürfen.

Irgendwann wird meine Tochter weniger spielen und träumen, dann werden langsam ihre Legobausteine verstauben und ihre Kleidung nicht mehr soviel Löcher aufweisen. Aber den Zeitpunkt dafür bestimmt mein Kind selbst. Dann, wenn sie soweit ist und nicht, weil es ihr Erwachsene vorschreiben.

Also bitte ich all die Personen, die meinen mein Kind sei zu verspielt: Behaltet Eure Meinung für Euch und lasst mein Kind einfach seine Kindheit leben!

Und falls ihr meint, ihr könnt Eure Meinung nicht für Euch behalten, dann sagt es mir wenigstens alleine, nicht im Beisein meiner Kinder.

Meine kleine Tochter ist jetzt in der ersten Klasse, ich bin ja mal gespannt, ob auch bei ihr nach dem ersten Halbjahr dieses Phänomen auftritt.

Wie ist das bei Dir? Hat Dir auch schon mal jemand gesagt, Dein Kind sei zu verspielt?

Liebe Grüße

Sabine