Das was du siehst…

Was du siehst, ist nur ein kleiner Teilausschnitt, vielleicht nur von ein paar Sekunden aus meinem Leben.

Vielleicht bemerkst du, wie ich an der Tankstelle meiner kleinen Tochter verbiete, aus dem Auto auszusteigen und mit zum Bezahlen in die Tankstelle zu kommen.

Vielleicht bemerkst du meinen etwas raueren Tonfall ihr gegenüber.

In deinen Kopf kommen Gedanken wie „diese Frau dort redet aber sehr unfreundlich mit ihrem Kind.“ Oder: „das arme Kind. Was ist so schlimm daran, dass das Kind mit in die Tankstelle geht?“.

Möglicherweise schüttelst du bei diesen Gedanken den Kopf und blickst mich vorwurfsvoll an.

Es könnte sein, dass ich dies bemerke. Es kann aber auch sein, und das ist viel wahrscheinlicher, das ich deine Gestik und Mimik gar nicht wahrnehme.

Ich lade dich ein hinter die Fassade zu sehen. 

Hinter die kleine Momentaufnahme aus meinem Leben.

Denn was du nicht mitbekommen hast: 

bereits während der Fahrt hatten wir festgestellt, dass meine Tochter ihren Mundschutz verloren hat. Diesen haben wir dann verzweifelt gesucht, während ich versuchte mein Kind in Richtung Auto zu bugsieren, da sie noch Online-Ballett-Unterricht hat. 

Die Zeit in der meine Kinder ihre Onlinehobbies haben, ist im Moment für mich der einzige Zeitpunkt um wenigstens kurzfristig etwas für die Arbeit zu erledigen.

Bei meiner Arbeit, aktuell hauptsächlich im Homeoffice, hänge ich dank Homeschooling und Dauerbespaßung der Kinder mehr als nur stark hinterher.

Natürlich hielt meine kleine Tochter nicht viel davon, sich aus dem schönen Wald heraus zu bewegen. Schließlich war ich ja selbst auf die Idee gekommen noch einmal mit den zwei Töchtern in die Natur rauszufahren, damit sie wenigstens heute noch ein bisschen an der frischen Luft sind. Den Wald etwas weiter entfernt hatte ich extra gewählt, damit sie mal wieder eine andere Umgebung zu Gesicht bekommen.

Den Mundschutz meiner kleinen Tochter fanden wir auf dem endlich angetreten Rückweg leider nicht. Und im Auto stellte ich dann fest, dass die Ersatzmasken nicht mehr im Handschuhfach waren. 

Ahja, die hatten wir ja bereits das letzte Mal gebraucht, als wir die Masken zum Einkaufen vergessen hatten. Da habe ich wohl vergessen neue Reservemasken ins Auto zu legen.

Im Moment vergesse ich alles, was nicht explizit auf meiner To-do-Liste aufgeführt ist.

Blöd nur, wenn man dann vergißt die Dinge auf besagte Liste zu schreiben…

Da ich bereits vorher wusste, dass wir auf dem Rückweg noch schnell tanken fahren mussten, erklärte ich bereits auf der Fahrt zur Tankstelle meiner Tochter, dass sie kurz im Auto warten müssen, da ja die Maske der Kleinen fehlte.

Na gut, insgeheim war ich auch gar nicht so böse darum, denn ein Blick auf die Uhr verreit mir, dass ich an der Tankstellenkasse definitiv keine Zeit mehr haben würde um lange Diskussionen mit meinen Kindern bezüglich irgendwelcher Kaufwünsche zu führen.

Vielleicht verstehst du jetzt meinen etwas harscheren Tonfall gegenüber meiner Tochter.

Leider werde ich dir diese Sicht der Dinge nicht mitteilen können, da ich deine Gedanken über mich nicht hören kann und deine Mimik nicht wahrgenommen habe.

Ich bitte dich lediglich darum, das nächste Mal, wenn du eine Mutter siehst, die in deinen Augen vielleicht etwas zu streng mit ihrem Kind umgeht, darüber nachzudenken, welche Situation voraus gegangen sein könnte.

Möglicherweise kommt dir jetzt der Gedanke „Die arme Frau. Die hat ja einen Stress.“

Ich lade dich noch einmal ein, hinter die Fassade meines Lebens zu blicken.

Während ich heute vormittag mit meiner kleinen Tochter Homeschooling machte, haben wir Sport als Unterrichtsfach gehabt. Wir waren zusammen Joggen, sind Skigefahren und Fahrradgefahren. All das fand in ihrem Kinderzimmer statt. Dabei haben wir gemeinsam stark unsere Lachmuskulatur beansprucht.

Bei der Homeschoolingunterstützung von meiner großen Tochter haben wir ein Videoausschnitt auf Englisch von „Horton hears a Who“ angesehen. Im Anschluß an das Video haben wir gemeinsam geübt wie ein englischer Elefant zu sprechen.

Bei dem gemeinsamen Mittagessen haben die Augen meiner Kinder geleuchtet, als es Pfannkuchen gab.

Und auch bei unserem kleinen Waldausflug, hatten wir gemeinsam viel Spaß, während wir durch den verschneiten Wald spazierten und durch den Schnee gehüpft sind.

Du siehst, ich muss niemandem leid tun. Ich habe vielleicht manchmal Stress, aber den hast du bestimmt auch. 

Möglicherweise nur aus anderen Gründen.

Aber ich habe auch unheimlich viele schöne Glücksmomente in meinem Leben. 

Deswegen bitte ich dich, bevor du das nächste Mal mit einer Mutter Mitleid hast, denke daran, dass du vielleicht einfach nur gerade nicht einen von den vielen Glücksmomenten erlebst.

Weißt du, was ich mir wirklich wünschen würde?

Das wir uns vorurteilsfrei begegnen können. 

Ohne vorschnell auf Grund einer kleinen Momentaufnahme auf die Persönlichkeit des Anderen zu schließen.

Ich weiß, das wird niemals passieren und ich nehme mich da auch selbst nicht aus.

Dennoch möchte ich weiterhin davon träumen und es immer wieder auf Neue versuchen.

Stück für Stück, von Moment zu Moment.

Und wer weiß, vielleicht begegne ich dir irgendwann einmal an einer Tankstelle, ich nehme dein aufmunterndes Lächeln in meine Richtung wahr und lächle dankbar zurück.

Dann atme ich dreimal tief durch und werde meiner kleinen Tochter zum achten Mal erklären, warum sie nicht ohne Maske mit in die Tankstelle hinein kann.

3 Gedanken zu „Das was du siehst…

    • Hi,
      Ui, das ist lieb von Dir. Vielen Dank.
      Leider ist das nicht selbstverständlich, dass nicht gleich auf das Ganze geschlossen wird.
      Mir selbst passiert das auch immer wieder mal…Aber ich übe, nicht vorschnell zu urteilen.
      Manchmal hilft es, es sich bewusst zu machen.
      Liebe Grüße
      Sabine

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