Lange dachte ich: ich werde nichts über Corona schreiben.

Ganz einfach aus dem Grund, da es mich manchmal selbst erschlägt. Egal welchen Kanal man öffnet und welches Medium, dieses Thema ist immer präsent, es war zwar in letzter Zeit kurzfristig abgeschwächt, dank der Wahlen in Amerika und seinem niederlagsresistenten 45.ten Präsidenten, aber dennoch immer gegenwärtig.

Wenn man dann förmlich dauerhaft mit diesem Thema, welches so tief in unseren privaten Alltag einschneidet, beschallt wird, kann es einen emotional „runterziehen“. Deswegen wollte ich nicht auch noch dazu einen Beitrag veröffentlichen.

Auch als viele Bloggerinnen, Influencerinnen und Autoren die Aktion #Coronaeltern ins Leben gerufen haben, habe ich mich daran nicht beteiligt, obwohl wir ja nachweislich #Coronaeltern, meine Kinder #Coronakinder und ich #Coronamama bin.

Lange habe ich versucht, das Thema zu „umschiffen“ und meine positive Grundstimmung bei zu behalten.

Doch auch da schwelte sie bereits: die Wut in meinem Bauch.

Im Laufe der Monate ist diese Wut nun weiter gewachsen. 

Auf einen Virus, der unser aller Leben durcheinander wirbelt, dem ich am liebsten ganz laut „f***** you, Corona!“entgegen schreien würde.

Und allein beim Schreiben dieser Zeilen regt sich schon wieder mein schlechtes Gewissen: Darf ich überhaupt wütend sein? Es hätte uns deutlich schlimmer treffen können. Wir müssen doch dankbar sein: dankbar, dass wir gesund sind, dankbar, dass wir so gut durch den ersten Lockdown gekommen sind, dafür, dass wir genug Reserven hatten um die Kurzarbeit und das Homeschooling zu überstehen.

Ich bin zu dem Entschluss gekommen: ich darf wütend sein, bzw. ich muss meiner Wut sogar ein Ventil geben!

Das bedeutet nicht, dass ich nicht zugleich auch dankbar, demütig, ängstlich und hoffnungsvoll sein und Mitgefühl empfinden kann.

All diese Gefühle in mir, schließen sich nicht gegenseitig aus!

Ich kann alles gleichzeitig empfinden. Und eben auch meine Wut. Sie gehört zu all meinen Gefühlen dazu und in den letzten Monaten habe ich ihr zu wenig Raum gelassen.

Ich habe sie zu stark unterdrückt und zu sehr auf mein schlechtes Gewissen gehört.

Dies hat zur Folge, dass sie nun, heute, raus gelassen werden muss. 

Ich bin wütend….

…wenn wir uns in Quarantäne befinden, weil meine Kinder Schnupfen haben, was für meine zwei Kinder im Herbst und Winter im übrigen normal ist. Bei den aktuellen Zahlen dürfen sie allerdings nicht mehr in die Schule gehen, ohne ein Attest vom Arzt oder einen negativen Coronatestnachweis. Der Anruf beim Kinderarzt bestätigte mir das, was ich mir bereits gedacht habe: Unsere Kinderärztin kann nicht einfach so ein Attest ausschreiben, da ja auch sie nicht in der Lage ist diesen heimtückischen Virus zu sehen und somit kein Attest ausschreiben kann, dass meine Kinder lediglich Schnupfen haben. Das bedeutete, sie mussten einen Coronatest machen und bis zum Ergebnis hieß es eben Quarantäne und erst danach durften sie wieder in die Schule.

„f***** you Corona!“

 

Ich bin wütend…

… weil wir lediglich die Hausaufgaben erledigen konnten, aber der aktuelle Schulstoff nicht erarbeitet werden konnte. Die Aussage „da müssen sich die Kinder selbst drum kümmern, auf einer weiterführenden Schule“, machte es nicht besser. Zumal meine große Tochter erst seit Beginn des Schuljahres auf die weiterführende Schule geht und somit noch kein wirklicher Klassenverbund besteht, in dem man sich gut über den verpassten Schulstoff austauschen könnte. Natürlich kam in der zweiten Schulstunde nach der Quarantäne eine Kurzprobe, bei der sie mitschreiben musste und in der natürlich auch das abgefragt wurde, was während der Quarantänezeit besprochen wurde. Soweit es ihr möglich war, hatte sie den Stoff aus dem Buch gelernt, aber der besprochene Stoff aus dem Unterricht fehlt eben. Dafür hat sie es gut gemacht, dennoch in ihr trauriges Gesicht zu sehen, nach der Kurzprobe, macht mich unfassbar wütend.

Natürlich geht es nicht, dass der Unterrichtsstoff digital zur Verfügung gestellt wird, schließlich ist ja Präsenzunterricht, an dem unbedingt festgehalten werden muss.

„f***** you Corona!“

 

Ich bin wütend…

… weil meine große Tochter keine Möglichkeit hat, in der neuen Schule neue Freundschaften zu knüpfen. Kinder befreunden sich, in dem sie miteinander spielen und sich austauschen. Mit Abstand und Dauermaske im Gesicht funktioniert das nicht.

Beide Kinder leiden darunter, dass mittlerweile so viele Veranstaltungen abgesagt wurden, auf die sie sich gefreut hatten. Und auch wenn ich versuche ihnen ein Alternativprogramm zu bieten, ist es eben nicht das gleiche, als wenn man sich mit vielen Freunden zu einer Geburtstagsparty trifft oder mit der Klasse in ein Schullandheim fährt. Zudem gehen mir auch manchmal die Ideen für Alternativprogramme aus und immer häufiger scheitert es auch an meiner mangelnden Lust und Geduld.

„f***** you Corona!“

 

Ich bin wütend…

… wenn meine Kinder durchgefroren von der Schule nach Hause kommen, weil bei eisigen Temperaturen draußen das Klassenzimmer regelmäßig stoßgelüftet werden muss und sie mit Winterjacke und Maske sich im Unterricht konzentrieren sollen. Selbst draußen auf dem Pausenhof sind nun abgetrennte Bereiche für die einzelnen Jahrgangsstufen, in denen sie sich in der Pause aufhalten sollen, damit die Gruppen nicht durchgemischt werden, so dass selbst hier die Bewegungsfreiheit und Möglichkeit sich dadurch aufzuwärmen eingeschränkt ist.

„f***** you Corona!”

 

Ich bin wütend…

… dass ein kleines Ballettstudio es schaffen kann, den Tanzunterricht von meiner Tochter online durchzuführen, aber die Schulen nicht dazu in der Lage sind, dass Schüler die Zuhause sind, weil sie sich in Quarantäne befinden oder krank sind, online am Unterricht teilnehmen können.

„f***** you Corona!“

 

Ich bin wütend…

… auch auf unsere Politik, die zunächst sagt, bei einem bestimmten Inzidenzwert wird in das „Wechselmodell“ für die Schüler gewechselt. Wir hatten uns mit entsprechenden Endgeräten darauf vorbereitet und ich hoffe, die Schulen ebenso. Hier hätten wir eine gewisse Planungssicherheit und alle Schüler hätten den gleichen Schulstoff. Stattdessen haben nun diejenigen, die nicht in Quarantäne müssen, den anderen gegenüber einen schulischen Vorteil. Der Inzidenzwert ist mehr als überschritten, das Wechselmodell kam bisher nicht und wir können uns nun jeden Tag überraschen lassen, welche Regelung am nächsten Tag gilt.

„f***** you Corona!“

 

Ich bin wütend…

… wenn ich in den Medien beobachten muss, wie rechte Hooligans das Recht auf freie Meinungsäußerung dazu benutzen um auf Demonstrationen ihre braunen Ideologien teilweise mit Gewalt neben friedlichen Bürgern versuchen zu verbreiten. Es schüttet Öl auf das Feuer der Wut in meinen Bauch und ich würde am liebsten durch den Bildschirm springen und meinen Aggressionen freien Lauf lassen. Solche Bilder bringen die schlechteste Seite in mir zum Vorschein, da diese Bilder so gegen mein persönliches Bild von einer freien, offenen Demokratie sprechen. Ebenso schlägt das Feuer meiner Wut noch höher, wenn ich dabei beobachte, wie die friedlichen Bürger, die teilweise neben diesen Hooligans hergehen,  diese nur leicht irritiert anblicken statt sich von solchen Gestalten zu distanzieren. Das alles geschieht unter dem Deckmantel „Coronademonstration“ und keiner tut etwas dagegen!

„f***** you Corona!“

 

Ich bin wütend…

… wenn ich beobachten muss, dass eben diese „Coronademonstrationen“ stattfinden und sich dort Menschenmassen versammeln, oft ohne Abstand und ohne Maske, während die Zahlen steigen und meine Kinder und ich zu Hause sitzen, aus Angst , wir könnten einen liebgewonnenen Mitmenschen mit diesem gefährlichen Virus infizieren. Ich fühle mich verhöhnt und um unser soziales Leben betrogen, wenn wir uns an alle Regeln halten und diese Menschen treten all unsere Bemühungen unsere Mitmenschen zu schützen mit ihren Füßen.

„f***** you Corona!“

 

Ich bin wütend…

… während ich meine Kinder beobachte, wenn sie draußen spielen und dabei mit einer Sprühflasche Blätter mit Wasser besprühen. Zunächst gießen sie die Blätter nur um dann in den „Desinfektionsmodus“ zu wechseln, damit sich die Pflanzen nicht anstecken mit Corona. Wenn mir dann die Gedanken kommen: Haben wir bald eine „Desinfektionsgesellschaft“? Werden unsere Kinder noch fähig sein, ohne Angst einem Fremden die Hand zu schütteln oder sogar eine Umarmung zu zulassen? Was macht es mit dieser Generation in der Zukunft, wird es eine „Abstandsgeneration“ werden? Allein bei solchen Gedanken wird mir schlecht. Nur leider dreht sich manchmal das Gedankenkarussell zu schnell ehe ich es vermag anzuhalten.

„f***** you Corona!“

 

Ich bin wütend…

… wenn mein Kind überlegt, ob sie nicht ihren langjährigen Berufswunsch „Lehrerin“ zu wechseln und stattdessen lieber „Forscherin“ werden will, weil sie dann ein Mittel erfinden kann, damit es so einen fiesen Virus wie Corona nie wieder geben wird.

„f****** you Corona!“

 

Ich bin wütend…

… allein, weil ich mir eingestehen muss, dass ich eine #Coronamama, wir #Coronaeltern und meine Kinder #Coronakinder sind. Ich möchte das nicht sein und dennoch sind wir es. Ich muss trösten, mir Alternativprogramme ausdenken, meine Kinder zu einem Coronatest fahren – der wirklich unangenehm ist, mir Sorgen um meine Mitmenschen machen, den Kindern warmen Tee machen und dicke Wollsocken geben, wenn sie von einer eiskalten Schule nach Hause kommen. Ich muss mir Gedanken machen, wie die nächste Quarantäne am besten verläuft, ob die Kinder genug Masken eingepackt haben und ob bestimmte Kontakte wirklich notwendig sind. Ich muss mir Gedanken machen, ob wir einen weiteren Lockdown finanziell überstehen können, wie ich zur Not Homeoffice und Homeschooling vereinbaren kann. Ich muss mir Gedanken machen, wie wir Weihnachten verbringen werden und wie ein weiterer Urlaub in den eigenen vier Wänden verlaufen könnte, wo doch das Fernweh so groß ist.

„f***** you Corona!“

Wahrscheinlich könnte ich meine Wutliste über Corona noch ewig so weiterführen. Allein, dass ich wütend bin, weil ich diese Wut in irgendeiner Art und Weise ertragen muss.

Aber irgendwann muss sie eben auch ein Ende haben. Und allein die Tatsache, all diese Wut einmal ausgesprochen zu haben, oder wie in meinem Fall niedergeschrieben zu haben und als das zu akzeptieren und anzunehmen, was es ist, hilft mir schon: Wut.

Was ich jetzt machen werde, nachdem ich meiner Wut aktuell ein Ventil gegen habe?

Ich werde mehrmals tief durchatmen, meine Schultern nach hinten kreisen, den Rücken durchstrecken, meinen Kopf nach oben neigen und meine imaginäre schiefe Krone wieder gerade zurecht rücken.

Währenddessen gewähre ich all den anderen Gefühlen in meinem Inneren wieder mehr Raum: der Liebe zu meiner Familie und Freunden, das Glück, dass wir alle gesund sind, die Freude darüber, dass wir den Lockdown auch finanziell halbwegs gut überstanden haben und mein Mann und ich noch Arbeit haben. 

Und nun werde ich eine warme Suppe kochen für meine Kinder und  wenn sie von der Schule nach Hause kommen, ihnen die Wollsocken entgegen halten. Ich werde meine Kinder in den Arm nehmen, sie trösten, wenn sie traurig sind, dass ihre nächste Geburtstagsparty anders sein wird. Ich werde mir ein Alternativprogramm ausdenken. Und  ich werde meinen Kindern von den positiven Dingen erzählen, die wir während der Coronazeit erlebt haben: mehr Mitgefühl für die Mitmenschen, mehr Familienzeit und weniger stressige Termine, ein bewussterer Umgang mit unserer Gesundheit und Umwelt, von der großen Bedeutung, die Freundschaft bekommen hat, usw.

Auch diese Liste könnte lang werden…